Nachlässe

28
Apr
2008

Tresendichtung für eine Freundin

Muh, muh
Annikuh.


- A. H. -
107mal gelesen

31
Jan
2007

Auf vielfachen Wunsch...

... heute ein Nacktfoto von mir...:


miniandreas_sw300dpi
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26
Jan
2007

An mein Spiegelbild

selbstgespraech


Als ich auf halbem Weg stand unsres Lebens,
fand ich mich einst in einem dunklen Walde,
Weil ich vom rechten Weg verirrt mich hatte;
Gar hart zu sagen ist`s, wie er gewesen,
Der wilde Wald, so rauh und dicht verwachsen,
Dass beim Gedanken sich die Furcht erneuert ...

...

Dante beginnt so mit seiner "Göttliche Komödie".
Und beschreibt einen Weg, der in alle Höllen und Abgründe des Lebens führt.
Oftmals fragt man sich, an einem bestimmten Punkt angekommen, auf welchem Weg man sich selbst befindet.
Wo er hinführt, wer ihn weist, wer mitgeht ...
Ziele.
Die Frage danach ist mit zwei Sätzen nicht zu beantworten, auch wenn Du denkst, es wäre möglich, sie darauf zu reduzieren.
Seltsam, habe mir über *Ziele* nie definierende Gedanken gemacht, sie wohl gehabt, sie verfolgt... jetzt reden wir darüber. Vielleicht, weil ich die Frage provoziert habe. Sie mußte wohl auch irgendwann mal kommen, will man nicht im Oberflächendümpeln verharren.
Ziele.
Ein Reiz-Stich-Wort.
Ich möchte sie hier nur anreißen - aus verschiedenen Gründen.
Es könnte Dich langweilen.
Es könnte mich überfordern.
Es könnte pharisäerhaft werden, im Schwulst ersticken.

Nein, es kommen jetzt keine Sätze der Bauart: Das Leben genießen, Karriere machen, Geld verdienen, Machtpositionen erobern ...
Eher solche:
Grenzen erfragen.
Grenzen hinterfragen.
Grenzen setzen.

Unser Leben ist in den vielfältigsten Bereichen von Grenzen bestimmt, die andere setzen, die Sachzwänge setzen, die wir selbst setzen.
Grenzen, die man entweder wie ein geduldiges Schäfchen hinnimmt, konform geht mit der Masse. Oder sich Gedanken darüber macht, wie es hinter der Grenze weitergeht. Was soll durch die Grenzen geschützt, verborgen werden?
Ich weiß, das klingt jetzt ziemlich allgemein, läßt sich aber auf etliche Lebenssituationen übertragen. Ich denke, Du verstehst das.
Oftmals schlägt man auch einen Weg ein, der sich in der unendlichen Weite am Horizont verliert. Der Gedanke, ihn dann auch weit gehen zu können, führt oft dazu, den Punkt zu suchen, der eine Stop- oder Wendemarke anzeigt. Bis hierhin - und nicht weiter. Ich setze mir eine eigene Grenze, weil ich mir Gedanken darüber gemacht habe, dass und warum es nicht gut ist, weiterzugehen...
Ziele.
Sich selbst zu ergründen.
Was kann ich? Wo liegen meine Stärken, meine Schwächen? Erkenne ich sie, setze ich das Wissen zielgerichtet ein? Akzeptiere ich meine Erkenntnisse, oder will ich an bestimmten Stellen Schwächen abbauen? Dahin zu kommen, um in mir selbst ruhen zu können?
Was beunruhigt mich? Sind es *Dinge*, oder nur die Vorstellungen davon?
Epiktet hat dazu bemerkenswertes geschrieben.

"Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Vorstellungen von den Dingen. So ist zum Beispiel der Tod nichts Furchtbares - sonst hätte er auch dem Sokrates furchtbar erscheinen müssen -, sondern die Vorstellung, er sei etwas Furchtbares, das ist das Furchtbare. Wenn wir also bedrängt, unruhig oder betrübt sind, wollen wir die Ursache nicht in etwas anderem suchen, sondern in uns, das heißt, in unseren Vorstellungen. Der Ungebildete macht anderen Vorwürfe, wenn es ihm übel ergeht. Der philosophische Anfänger macht sich selbst Vorwürfe. Der wahrhaft Gebildete tut weder das eine noch das andere."

Ich arbeite daran, meine Ängste und Unruhen auf diesem Wege diesen gedanklichen Ansatz aufzuzwingen.
Tja.

An sich ist kein Ding weder gut noch schlecht; das Denken macht es erst dazu.
(-W. Shakespeare-)

Ziele.
An der Frage nach dem Sinn des Lebens kratzen. Sich fragen, ob menschlicher Geist stirbt oder nach der "Deckel-zu-Theorie" alle geistlos in der gleichen Kiste ruhen ...
Ziele.
Andere als Mensch zu begreifen und nicht nur als sprechende Schablone, die sich zufällig nicht immer so ausdrücken kann, dass man auf den ersten Blick *versteht*, welcher Geist in wem herrscht.
Tief eindringen in den anderen, mit sensiblem Röntgenblick nicht nur in`s Hirn, sondern auch in`s Herz schauen.
Manchmal gelingt es. Wie schön, wenn der andere die Kunst beherrscht, zu vertrauen, sich zu öffnen, sich fallen zu lassen - und zu wissen, dass er nicht hart aufschlägt.
Aber wer macht das schon ... tauche ein in die Menschen, und Du siehst eine Maske nach der anderen.
Manche sind mit einem leichten Hauch vom wahren Gesicht zu wehen, manche scheinen hart und fest eingebrannt in das unbekannte Dahinter. Bei manchen läßt sich nur erahnen, dass die Maske eine dahinterliegende Hohlheit verbergen soll ...
Ziele.
Sich den wirklich schönen Dingen des Lebens unaufdringlich so zu nähern, dass man sie mit Achtung bestaunen kann.

P.S.:
Ans Ziel kommt nur, wer eines hat. (-Dr. Martin Luther-)

...


- A. H. -
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13
Jan
2007

Der Einfalt Morgengebet

Ich möchte mal was Schlaues sagen
Wie Goethe oder Kant
Ich möchte mal was Schlaues sagen
Für Volk und Heimatland
Ich möchte mal was Schlaues sagen
Das wär` mal was Genaues.
Drum Leute, alle hingehört:
Ich sage jetzt: "Was Schlaues..."

- A. H. -
303mal gelesen

28
Dez
2006

Neues von Gott Teil 2

Die kleine Frau setzte sich ihm gegenüber auf die Couch und blickte ihn mit ratlos hängenden Schultern an.
„Was ist zu tun…“ sagte sie leise, ohne ein Fragezeichen anzuhängen. Mit einer schnellen Bewegung versuchte sie, den Sitz ihrer Perücke noch einmal zu überprüfen. Ihre kleinen Augen fixierten ihn. Wie eine Maus sitzt sie da, dachte er. Und ich bin die Katze.
„Wir sollten uns zunächst darüber unterhalten, wer zum Kreis ihrer gesetzlichen Erben gehört. Erst danach macht es Sinn, über eine abweichende Regelung durch ein Testament nachzudenken.“
Dass ihr Mann, ein älterer Freund seines Vaters, vor sechs Jahren vorverstorben war, wusste er. Der Rest der Familiengeschichte lag für ihn im Dunkeln.
„Ich hatte mir notiert, dass Sie 81 Jahre alt sind und gehe wohl davon aus, dass von Ihren Eltern niemand mehr lebt?“ - Sie bejahte, und nach einigen Minuten des Zuhörens wusste er, wann sie wo und woran gestorben waren. Er notierte sich die Daten.
„Hatten oder haben Sie Geschwister?“ - Die kleine Frau schien unruhig zu werden und setzte sich auf der Couch ein Stück weit nach links.
„Was ist zu tun…“ sagte sie erneut und setzte eine Plastikrose auf dem Tisch um. „Wissen Sie, wir waren mit sechs Geschwistern. Aber außer mir sind alle da geblieben.“
Er blickte sie fragend an. „Da geblieben?“ - „Sie kommen aus Ostpreußen, nicht? Leben Ihre Geschwister noch dort?“
Die kleine Frau rückte wieder ein Stück in die andere Richtung. Unter der Wolldecke zog sie ein Taschentuch hervor und betupfte ihre Augen.
„Nein, da - ich meine, sie sind im Krieg geblieben.“
Jetzt rückte er ein wenig nach vorn.
„Entschuldigung, das habe ich nicht gewusst. Alle…?“

Ja, es waren alle. Da geblieben.
Sie berichtete in sich zusammengesunken von ihren fünf Brüdern. Von den vier Soldaten und dem Jüngsten, der zuhause bleiben durfte. Davon, dass zwei bei Stalingrad gefallen seien, einer, der Älteste, von Partisanen getötet worden, einer verschollen sei.
Er saß ihr ratlos, schweigend gegenüber, die Hände das Gesicht stützend. Lediglich die Augen wagten noch, zu fragen.
„Und der Jüngste - den habe ich umgebracht.“
Das Schweigen hing nun wie gefrorene Gänsehaut im Raum.
„Ich hatte irgendwann Diphterie bekommen. Und ihn angesteckt, weil ich mich doch dauernd um ihn kümmern musste. Er ist in meinen Armen erstickt. Und ich hätte mir gewünscht, der liebe Gott hätte mich für ihn geholt. Meine Mutter hat mich dafür bis zu ihrem Tode gehasst. Den Letzten habe ich ihr genommen, den Kleinsten, sagte sie immer wieder.“
Mit einer Handbewegung schob sie das Schweigen wie einen unsichtbaren Vorhang an die Seite.
„Aber der Große, der hat es nicht anders verdient. Der hatte ja schließlich eine Nahkampfspange in Gold.“
Der Anwalt schaute sie erneut fragend an. „Nahkampfspange?“
„Ja", sagte sie. "Eine Nahkampfspange." Und ihre Stimme wurde leise, so, als wollte sie sich selbst nicht hören. -- „Wissen Sie denn nicht, wofür man die bekommt? Er musste das Weiße im Auge des Feindes sehen. Bis zur letzten Entscheidung. Und das an fünfzig Kampftagen. Fünfzig Tage weiße Augen...“


- A. H. -
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Neues von Gott

Am Nebentisch meines Stammitalieners saßen sie mal wieder. Der Soziologiedozent und ein offensichtlich ihm gut bekannter Theologe der entsprechenden evangelischen Fakultät.
"Gibt's was Neues von Gott?" fragte der Soziologe in sein Schinkenbrötchen hinein.
"Neues von Gott? Mein Gott! Gott ist ein Synonym für Gott!“ antwortete der Theologe und lächelte milde in seinen schwarzen Kaffee.

- A. H. -
185mal gelesen

21
Dez
2006

Der dicke Mann

Mindestens einmal in der Woche sah ich ihn, den dicken Mann.
Er versperrte mir fast immer den Weg zum Büro, weil er einen Knopf an einer Lichtzeichenanlage für Fußgänger drückte, die dann für mich auf Rotlicht umsprang.
Von der Haltelinie aus konnte ich ihn beobachten. Sehen, wie er, klein, dick, nahezu quadratisch, schweratmig vor mir über die Straße lief. Breitbeinig, weil die Oberschenkel sonst aneinander gescheuert hätten. Mit der rechten Hand klammerte er sich an einen Stoffbeutel, im dem er wohl seine Tagesration an Lebensmitteln spazieren führte. Die linke wedelte wie im Stechschritt an seiner Seite hin und her.
Irgendwie erinnerte mich der dicke Mann an einen aufgequollenen Spongebob im Erschöpfungsmodus. Man sah es ihm an, dass die kleinen Strecken von der Wohnung zum Kiosk, nur wenige Meter von der anderen Straßenseite entfernt, eine Höchstleistung von ihm abforderten.

Heute wartete ich wieder an der Ampel.
Der dicke Mann stand nicht wie gewohnt rechts, um vor mir über die Straße zu ächzen.
Der dicke Mann lag links auf dem Bürgersteig.
Eine weiße Hand war in den Stoffbeutel verkrallt.
Der Notarztwagen mit traurig zuckendem Blaulicht auf dem Dach parkte wenige Meter entfernt. Der Arzt kniete neben dem dicken Mann und war seltsam untätig.

Die Ampel wechselte auf Grünlicht.
Dicker Mann, ich werde dich vermissen.

- A. H. -
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12
Nov
2006

Grabsteine

Der Staub war ignorant.
Trotz des Auszugs von Frau und Kindern rieselte er unbarmherzig weiter auf alle Oberflächen der Wohnung, und es schien wie immer nur eine Frage der Zeit zu sein, bis alle glatten, glänzenden Flächen mit einem mikrofeinen, grauen Puderzucker bedeckt waren.
Früher hatte er sich darüber nie groß Gedanken gemacht. Gut, es fiel schon auf, wenn mal länger nicht geputzt worden war; er malte dann mit den Fingern kleine Zeichen in den Grauschleier – als wortlose Mahnung.
Jetzt war niemand mehr da, der sich der Schränke und Regale und des ganzen Krempels annehmen konnte, der überall herumstand und still den Staub fing.
Auch die schuhkartongroße schwarze Holzkiste, sein Schrein der Erinnerungen, hatte seine Farbe geändert. Die klavierlackglatte Oberfläche schien wie mit leichtem Samt überzogen zu sein.
Mit zwei Fingern rechts und links den Deckel fassend klappte er die Kiste vorsichtig auf.
Unsortiert, wahllos lagen dort auf einer Matte aus grünem Filz ein halbes Dutzend Dominosteine. Er hatte sie beim Tod der Großmutter in einer ihrer vielen Schubladen gefunden, in denen sie diesen und jenen Krimskrams aufbewahrte. Damals, vor weit über dreißig Jahren, waren diese Steine das einzige Spielzeug, das die Oma für die Enkelkinder in der kleinen Wohnung zur Verfügung hatte. Und er erinnerte sich noch gut daran, wie sie immer und immer wieder, wenn Oma besucht wurde, Domino spielten – so, als gehöre es wie ein geheimnisvolles Ritual untrennbar dazu.
Sie lebte nun schon über zwanzig Jahre nicht mehr, aber die Steine hatte er verwahrt und in die Kiste gelegt, die er sich irgendwann einmal für wenig Geld auf einem Trödelmarkt zugelegt hatte. „Schrein der Erinnerung“ nannte er sie, und beim Betrachten der Steine wanderten seine Gedanken zurück in die Kindheit, malten immer wieder neue Bilder, die sich genau so entstauben ließen wie die Wohnung.

Vorgestern hätte er Viola sehen können. Er war beruflich im Norden unterwegs, fast vierhundert Kilometer in Richtung Dänemark, wo sie nun mit den Kindern lebte.
Die zaghafte SMS, dass er in der Nähe sei, ließ sie unbeantwortet.
Mit spitzen Fingern fasste er die Dominosteine und stellte sie vorsichtig auf – in eine Reihe, eng beieinander.
Behutsam schloss er den Deckel und wischte ihn mit dem Tuch blank.
Seltsam, dachte er. Wie Grabsteine stehen sie da. Still und friedlich und im Dunkeln. Wie Grabsteine.

- A. H. -
250mal gelesen

25
Okt
2006

Reiher

I.

Seltsam still lag er da, die Beine ein wenig verdreht, blass. Es knisterte eigenartig und der Geruch von verbranntem Fleisch breitete sich aus. Die Kinder um ihn herum, gerade noch in Bewegung, verharrten still, so als habe jemand die Wirklichkeit in ein Stundenglas gestopft und dann verkorkt. Bis eine von den Frauen schrie: „Himmel, zieh doch einer den Stecker raus!“

II.

Einen Teich anzulegen war schon immer einer seiner kleinen Träume. Hinten im Garten, kurz vor den Tannen, grenzend an die Ziegelmauer zu den Dörners. Es war ja auch an sich nicht viel Arbeit. Gut, das Ausschachten machte Mühe und kostete ihn zwei Tage Anstrengung und noch einige Tage mehr an Rückenschmerzen. Gut, für den Transport der Fertigwanne aus Kunststoff musste er sich auch etwas einfallen lassen. Immerhin hatte sie das Format von drei Whirlpools und konnte nicht mal so eben im Kofferraum befördert werden.
Letztlich war das Schnee von gestern. Das Einpassen in den Krater im Garten und die Erstbepflanzung mit Wassergewächsen hatte er bereits erledigt, und die Umrandung mit feinem Kies zur Abgrenzung zu den Rasenflächen sah auch adrett aus. Es fehlten also nur noch zwei Kleinigkeiten: Fische und Wasser. Letztgenanntes natürlich zuerst.
Es dauerte einige Stunden, bis das Becken sich gefüllt hatte. Und natürlich war ihm klar, dass er nicht sofort seine Goldfische in das gechlorte Wasser setzen konnte. Aber was soll`s – auf die halbe Woche mehr oder weniger kam es jetzt wirklich nicht mehr an.
Als er die drei Folienbeutel mit den Fischen vorsichtig in den Teich setzte, die Klipse öffnete und die Beutelränder einen nach dem anderen auseinanderzog, um den Fischen den Weg zu zeigen, dachte er daran, wie seltsam manchmal doch die Freiheit definiert wird. Vom Becken des Händlers in die Beutel und nun in den Teich. Letztlich doch gefangen in kleinem Raum. Elternhaus, Schule, Arbeitsplatz. Und die Freiheit nur definiert durch das Maß der Einbildung, wie er einmal irgendwo las.
Die Fische akklimatisierten sich erstaunlich schnell, und es dauerte nicht lange, bis sie munter im Wasser von einem Ende des Teiches zum anderen zogen, um das neue Terrain zu erkunden. Die Richtung, so dachte er, ließ sich ohnehin durch das Einstreuen von Futter ändern. Und wenn die Fische Menschen wären, wäre es auch nicht anders.

III.

Der Reiher war schon am vierten Tag da.
Er sah ihn zufällig, als er es sich im Wohnzimmer vor dem großen Fenster gemütlich machte und einfach nur das satte Grün des Gartens auf sich wirken lassen wollte.
Er sah, wie dieser mit seinem langen Schnabel wie ein Partygast mit dem Picker nach der Cocktailkirsche angelte – und er sah, wie der Reiher nach kurzer Zeit einen seiner Goldfische zappelnd im Schnabel hielt und sich umsah. Das Klopfen an der Scheibe nutzte nichts mehr. Der Vogel machte sich mit schnellen Flügelschlägen auf und war in Bruchteilen von Sekunden aus dem Garten verschwunden. Mit dem Fisch. Und das war nicht der einzige, der fehlte. Beim Versuch, den Bestand zu kontrollieren, kam er auf ein Minus von vier Fischen. Ein Drittel. Verschwunden. Zum Snack geworden für einen Vogel, den der Teufel geschickt haben musste.

IV.

Genau dorthin würde er ihn auch zurück schicken. Es wäre doch gelacht, wenn diese fliegende Ratte die Oberhand behalten würde.
Er hatte im Keller noch eine Trommel liegen, auf der fein säuberlich aufgerollt etliche Meter blanken Kupferkabels gewickelt waren. Er hatte sie mitgenommen, als bei einem verstorbenen Nachbarn entrümpelt wurde und etliches an Mobiliar und Sperrmüll an die Straße gestellt worden war. Er freute sich, beim Mitnehmen der Kabeltrommel doch einen guten Riecher gehabt zu haben, denn jetzt würde er sie gut gebrauchen können.
Das gute Dutzend kurzer Rundhölzer, die er sich ebenfalls besorgt hatte, schlug er im Abstand von einem halben Meter rund um den Teich in den weichen Gartenboden und kerbte sie oben quer ein. Danach ging er dazu über, das Kupferkabel über diese Stäbe zu spannen. Kreuz und quer über den Teich, so, dass es fast wie ein glänzendes Spinnennetz aussah, das sich über das Wasser spannte. Ein Ende des Kabels verdrillte er an einem der Rundhölzer, das andere führte er vom Teich weg zu der Mauer, an der bereits ein Stromkabel bereit lag, dessen Ende er mit einem Messer blank legte und die schwarze Ader mit Isolierband an dem Kupferkabel befestigte. Die Verbundstelle deckte er vorsichtig mit einer halben Tonröhre ab. Fertig.
Das freie Ende des Stromkabels, noch mit einem Stecker versehen, führte er nun sorgsam an der Mauer lang bis zu seinem Kellerfenster, das halb geöffnet war und dem Kabel genug Raum bot, seinen Weg in den Keller fortzusetzen.
Er war kein Elektriker und wusste nicht, ob nicht sofort die Sicherung durchschmelzen würde, wenn er das Kabel in die Steckdose steckte. Aber seltsamerweise passierte nichts. Kein Knallen, kein Zischen, keine Funken. Eine Stille, als wenn sich nichts geändert hätte, lag über dem Garten, dem Teich, dem Netz.
Der Reiher konnte kommen. 220 Volt warteten geduldig.

V.

Wenige Tage zuvor hatte sein Sohn angerufen. Dessen Tochter stand kurz vor der Einschulung und wollte den ersten Schultag gern im Kreis der Familie feiern – wie es eben so üblich ist, wenn das erste Enkelkind vor einem besonderen Einschnitt im Leben steht.
Er wusste, dass der Sohn in der kleinen Mietwohnung keine Möglichkeit hatte, den Kreis der Verwandten unterzubringen. Da Sommer war und der Garten groß genug, bot es sich nahezu an, hier zu feiern. Es war ja auch schön, noch diese Wertschätzung als Vater und Großvater genießen zu können. Und da der Tag noch einiges an Zeit zur Verfügung ließ, holte er Tische und Stühle und den Sonnenschirm aus dem Keller. Dazu die kleinen Kinderfußballtore, denn er wusste, dass die beiden Älteren seines Sohnes gern den Freiraum im Garten nutzten, um Fußball zu spielen. Und morgen sollte ja auch noch die Sonne im Überfluss scheinen.

VI.

Der Reiher hatte sich weder am Nachmittag noch in der Nacht sehen lassen. Das Geflecht über dem Teich war noch jungfräulich unberührt, die Fische, soweit er es überblicken konnte, vollzählig vorhanden. Unter Abzug der bereits geräuberten Bestände versteht sich, die er aber alsbald durch Nachkäufe ersetzen wollte.
Gut, er konnte sich am heutigen Tag keine großen Gedanken darum machen. Die Falle war aufgebaut und konnte sich selbst überlassen werden. Ohnehin war er in Eile: In einer guten halben Stunde sollte die Einführungsveranstaltung an der Grundschule beginnen, der selben, in der er auch schon vor gut sechzig Jahren die Schulbank drückte. Das hatte schon etwas nostalgisches, nun die Enkeltochter mit all den anderen am ersten Tag zu begleiten.
Er schaffte es rechtzeitig, sich an der Schule einzufinden. Das Programm, das sich die Direktorin ausgedacht hatte, war ansehnlich. Einer der stellvertretenden Bürgermeister war da und hielt eine Rede, der sich die Schulleiterin ergänzend mit warmen Worten anschloss. Ein Kinderchor sang einige Lieder, eins davon mit englischem Text, den er nicht verstand. Danach noch einige Aufführungen von Schulsportgruppen, die eine Reihe von volkstümlichen Tänzen darboten. Danach verschwanden die Kinder in den für sie vorgesehenen Klassenräumen, während Eltern und Besucher die Möglichkeit hatten, sich bei Kaffee und Kuchen gegen einen kleinen Obolus zu stärken.
Nach einer halben Stunde war`s dann schon gelaufen: Die Kinder strömten fröhlich lärmend aus der Schule und stürzten aufgeregt auf ihre Eltern zu. Nachdem die üblichen Fragen und Antworten zum ersten Tag ausgetauscht waren, machten sie sich auf zum Garten. Er hatte dort bereits alles für ein zweites, ausgiebiges Frühstück vorbereitet. Die Schwiegertochter hatte ihm beim Einkauf und einigen Handreichungen geholfen, und es sah wirklich ordentlich aus, was sich da auf den Tischen wiederfand.
Die beiden Jungen, die an diesem Tag schulfrei hatten, hielt es nicht lange am Tisch, und schnell gingen sie dazu über, ihre Energie beim Fußball in den Rasen zu pflügen.
Natürlich wurde es irgendwann langweilig, mit zweien, Mann gegen Mann, Fußball zu spielen, und so bot sich der Vater, ohne dass großes Zureden erforderlich war, an, als Torwart zur Verfügung zu stehen. Ein Tor, auf das nun beide Jungen spielen durften, testend, ob der Vater noch in der Lage war, schnell zu reagieren.
Bei einer der Flanken, die der Ältere schoss, wollte er es den Jungens zeigen. Mit einem flotten Sprint lief er dem Ball entgegen, der sich ihm flach über dem Rasen näherte. Es würde sich sicherlich gut für einen Vater machen, den Jungens eine Grätsche vorzuführen. Er ließ sich im Lauf fallen, mit gestreckten Beinen dem Ball entgegen, über dem Hosenboden seiner Shorts den Rasen als Rutschfläche nutzend. Nur wenige Schritte entfernt vor sich sah er den Teich mit diesem seltsamen Gespinst aus Drähten, auf die er sich keinen Reim machen konnte. Ohnehin war die Abwehr des Schusses wichtiger. Er traf den Ball und beförderte ihn mit dem linken Fuß in die Tannenhecke. Die Drähte kamen rasend schnell näher und er wusste, dass er mit den Beinen im Teich landen würde.

VII.

Seltsam still lag er da, die Beine ein wenig verdreht, blass. Es knisterte eigenartig und der Geruch von verbranntem Fleisch breitete sich aus. Die Kinder um ihn herum, gerade noch in Bewegung, verharrten still, so als habe jemand die Wirklichkeit in ein Stundenglas gestopft und dann verkorkt. Bis eine von den Frauen schrie: „Himmel, zieh doch einer den Stecker raus!“

- A. H. -
311mal gelesen

11
Sep
2006

9/11

falling-man

Seltsam.

Seltsam, mit welcher grausamen Anmut dieses Bild um die Welt ging – ein Foto eines Mannes, scheinbar in der Luft verharrend oder doch abtauchend, an einem unsichtbaren Seil hinunter gleitend durch die Mitte eines streifgemusterten Etwas, in der Haltung eines Kopf stehenden Stepdancers…

Wäre da nicht diese Erinnerung, die sich eingefressen hat in die Hirne der Welt.
Die Erinnerung daran, dass hier keine fotokünstlerische Ästhetik zu bewundern ist, sondern letzte Momente eines Lebens eingefangen wurden, das aus tiefster Verzweifelung heraus zwischen zwei teuflischen Alternativen die wählte, die Luft zum Atmen zum Preis des schnelleren Todes gewährte.

Fünf Jahre ist das Foto nun alt.

Fünf Jahre, und die Bilder und Nachrichten über den Exitus der Zwillingstürme sind so präsent wie eh und je.

Mir gehen diese Menschen nicht aus dem Sinn, die, eingeschlossen in den Türmen, verzweifelt in den Fensternischen um Hilfe schrieen, sich an die Fassade klammerten, in der Hoffnung, dem tödlichen Rauch und dem Zittern der Türme entgehen zu können.

Mir gehen diese Menschen nicht aus dem Sinn, die dann, getrieben von einer irrwitzigen Entscheidungsnot, allein, zu zweit, Hand in Hand, sprangen. Mehrere hundert Meter tief, mehrere Sekunden, den Tod sicher vor Augen.

Mir geht der Filmausschnitt nicht aus dem Sinn, mit dem ein Kameramann die entsetzten Gesichter der Feuerwehrleute festhielt, während sein Mikrofon unbarmherzig die Aufschläge der zerplatzenden Körper aufzeichnete. Ein dumpfes Knallen, immer und immer wieder. Mehr als 200 Menschen. Gesprungen. Gefallen. Zerborsten. Verschollen.

Mir geht es nicht aus dem Sinn, wie Kardinal Lehmann in einem Fernsehinterview , sichtbar gezeichnet von dem entsetzlichen Ereignis, den Mut hatte, für die Kirche eine Stellungnahme abzugeben und zu den ihm präsentierten Bildern sagte: "Sie können nicht tiefer fallen als in Gottes Hände."

Mir geht er nicht aus dem Sinn, der 11. September 2001.

- A. H. -
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